von Marianne Ulmi

Reime bringen manches unerwartet auf den Punkt, manchmal zudem unerhört witzig. Ich erinnere mich, wie ich das als Kind im Nebelspalter genüsslich entdeckte. Das Frühlingsgedicht von Bö lernte ich begeistert auswendig und weiss es jetzt noch:

Die ersten gelben Blümlein schaun

Verstohlen aus der Wiese

Der Landwirt naht mit Dunkelbraun

Und giesst es aus auf diese

 Zwänge wie das Reimen bieten der Kreativität überraschenden Entfaltungsraum. Wie auch andere formale Gerüste sind sie vielen kreativen Sprachbenutzer*innen Ort der Inspiration – sei es, dass sie diese geistreich umdrehen, sei es, dass sie sie besonders virtuos beherrschen.

Nur ist nicht jede Inspiration geistvoll. Wenn der Reim zu Schleim verführt, geht man dem Reim auf den Leim.

Fünf Rappern aus Bern ist das so passiert. Wohl im Bestreben, ihrem Publikum zu beteuern, dass auch sie die Position der SVP-Politik verabscheuen, suchten sie nach einem frechen Paarreim. Was sie fanden, war die Passung von Fickli auf Rickli, und das verführte die Rapper dazu, der Zürcher SVP-Grossrätin Natalie Rickli politkarrieremotivierte Bettgeschichten anzudichten. Der Reimfall als Reinfall, möchte frau hier sagen.

Rickli wehrte sich vor Gericht. Erfolglos. Das Gericht vermochte in diesem Song keine sexuelle Belästigung erkennen. Die GLP-Politikerin Chantal Galladé twitterte darauf ihr Befremden: “Dieses Urteil ist ein Schlag ins Gesicht aller Frauen. Für mich ist es unverständlich und enttäuschend, dass die üblen sexistischen Beleidigungen dieser Rapper keine sexuelle Belästigung sein sollen.”

Es ist nicht richtig, solch sexistische Beleidigungen unbestraft zu lassen, eindeutig. Trotzdem stolpere ich über Galladés Tweed. Und schliesslich entdecke ich die Implikation, die stillschweigende implizite Voraussetzung, die das Gericht (und möglichweise bereits die Anklage (SVP-Anwält*innen sind in diesem Thema vermutlich etwas dilettantisch) offenbar gemacht hat und die Galladé in ihrem Text ungeschaut und kritiklos akzeptiert: Sexistische Beleidigung ist strafbar, wenn sie als sexuelle Belästigung taxiert wird, und zwar nur dann.

Sexistische Beleidigung und sexuelle Belästigung sind nicht das Gleiche. Darin lässt sich den Richter*innen nicht widersprechen. Es handelt sich allerdings um Variationen des gleichen Themas. Aber abgesehen von der Frage, ob dieser Zusammenhang dem Gericht bekannt ist oder nicht, gebührt den Rappern Strafe. Üble sexistische Nachrede ist ein Angriff auf die Würde, die Bezugnahme auf sexuelle Belästigung ist nicht zwingend.

Das also ist es, worüber ich gestolpert bin: Das Gericht beschäftigte sich nicht mit dem Sachverhalt, sondern verlor sich in Benennungs- und Zuordnungsfragen innerhalb der juristischen Systematik, so lange, bis der Sachverhalt dahinter entschwand. Statt um die Inhalte kümmerte es sich um Formfragen. Auf diese Weise fleucht in der Juristerei die Gerechtigkeit von dannen.

Die selbsterhaltende List der Beamten sei es, zwischen Wort und Sache unterscheiden zu wollen, habe ich bei Theodor W. Adorno einmal gelesen. Ich finde die Stelle in Wikipedia unter Nominalismus wieder – hier die Paraphrase: Der Nominalismus, sagt Adorno, sei der „Prototyp bürgerlichen Denkens“, bei dem äusserliche Formen die Oberhand über Inhalte bekämen und das Unrecht geschehen könne, wenn es nur formaljuristisch korrekt sei. Die „selbsterhaltende List“ der Beamten sei es, die „zwischen Wort und Sache“ unterscheiden zu wollen. Das Abschmettern der Klage von Rickli ist ein prototypisches Beispiel dafür, wie sich das Recht hinter formaljuristischen Nominalismusübungen ganz verflüchtigt.

Und die Moral von der Geschicht’:

Lass die Sprache dich verführen nicht!

Es schadet der Tanz mit der Form

Zuweilen dem Inhalt enorm.

 

 

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