von Marianne Ulmi

Sprache schafft Wirklichkeit. Ob und wie etwas wahrgenommen wird, ist davon abhängig, ob und wie es sprachlich vorkommt.

In Bezug auf Gender ist das nicht anders. Wenn in einem Text steht: Ich als Arzt, stellen sich unter Ich wohl die meisten eine männliche Person vor – auch jetzt noch, wo es seit längerem mehr Frauen als Männer gibt, die Medizin studieren. Ich vermute, dass sogar eine Frau, die sich selbst als Arzt bezeichnet, beim Lesen von Arzt eher an ein männliches Subjekt denkt. Das Prinzip M.A.N. (Mann als Norm, wie Luise F. Pusch dies benannt hat) sitzt fest in den Köpfen, auch in meinem.

Um zu signalisieren, dass Frauen, die in der Öffentlichkeit früher kaum präsent waren und nach wie vor deutlich weniger vertreten sind als Männer, wirklich vorkommen sollen, wurde in den Leitfäden für eine geschlechtergerechte Sprache empfohlen, zuerst immer explizit Doppelformen wie Studentinnen und Studenten, Lehrerinnen und Lehrer, Fachmann und Fachfrau zu benutzen. Auf geschlechtsneutrale Formen wie z.B. Studierende/ Lehrkraft/ Fachperson, sollte erst danach zurückgegriffen werden. So wird vermieden, dass die Frauen schnell wieder im Prinzip M.A.N. verschwinden.

In neuster Zeit haben nebst Frauen und Männern auch vielfältige weitere Menschen, deren Existenz bisher nicht wahrgenommen werden wollte – Intergeschlechtliche, Transgender, Nonbinäre – in die Öffentlichkeit gefunden. Auch sie getrauen sich nun, Platz in Gesellschaft und Sprache einzufordern.

Die Sichtbarkeit der Frauen in der Sprache, wiewohl noch ungenügend, befindet sich nun vor einem neuen Dilemma: Werden sie ebenso prominent genannt wie die Männer, wird der Schattenwurf auf all jene, die nicht im Licht stehen, doppelt so gross. Alle jene, die weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zugehören (wollen), sind dadurch noch marginaler.

Die momentan populärste Lösung, dem entgegenzuwirken, ist die Benutzung des Gendersternchens (Student*innen). Das Sternchen steht für die weder männlich noch weiblich zu definierenden Menschen.

Da wir unbedingt dabei sind, wenn es darum geht, die Anwesenheit von Menschen, unabhängig von Geschlecht und Herkunft sichtbar zu machen, und es möglich ist, dies mittels des Gebrauchs dieses winzigen Zeichens laut zu tun, nehmen wir den Unterbruch der Buchstabenreihen selbstverständlich in Kauf und nutzen das Sternchen. Obwohl es die weibliche Form stärker abtrennt als das grosse I (StudentInnen).

Für zwei lästige Fälle haben wir eigene abweichende Lösungen ausgedacht:

  • Wenn die Einzahl komplizierte Formen hervorbringen würde (der*die Student*in, der*die seine*ihre Notizen vergessen hat) und das Ausweichen auf die unkompliziert geschlechtlose Pluralform keinen Sinn ergäbe (die Student*innen, die ihre Notizen vergessen haben), benutzen wir die einfache weibliche Form und hängen das Sternchen an den Schluss nur des Nomens an (die Studentin*, die ihre Notizen …).
  • Es gibt Fälle, in denen sich durch den Wechsel von Maskulinum und Femininum uneindeutige Bezuge vermeiden lassen. Im folgenden Beispiel etwa ist nicht klar, ob sich sie auf die Verkäuferin oder auf die Kundin bezieht: Die Verkäufer*in ist in einem solchen Fall nicht weniger im Recht als die Kund*in. Denn sie kann nicht wissen…. Dann greifen wir auf die Möglichkeit zu, durch die Unterscheidung von männlichem und weiblichem Genus Klarheit zu schaffen (Der Verkäufer* ist in einem solchen Fall nicht weniger im Recht als die Kundin*. Denn er kann nicht wissen…). In solchen Fällen verzichten wir auf das Sternchen, denn die abwechselnde Verwendung beider Geschlechter macht deutlich genug, dass es hier nur um die grammatische Kongruenz und nicht um das Geschlecht geht.

Verhehlen wollen wir es aber nicht: So ganz glücklich sind wir mit der Sternchen-Schreibung nicht. Wir werden auf bessere Lösungen zugreifen, sobald solche gefunden sind. Zu verfolgen ist die Entwicklung übrigens gut auf der Plattform www.genderleicht.de

 

2 Kommentare
  1. mirjam
    mirjam sagte:

    Liebe Madeleine, liebe Alle
    es ist schön, dass ihr uns intergeschlechtlichen menschen auch ansprecht im obigen text. und es wäre wunderschön wenn ihr den begriff “intersexuell” eben ersetzen würdet mit intergeschlechtlich. denn auch intergeschlechtliche haben ein geschlecht und gemeint ist mit intergeschlechtlichkeit die variation der geschlechtsentwicklung – die diversität des biologischen geschlechts – nicht der sexualität oder sexuellen orientierung.
    danke auch für das Buch lesbenforschung.
    liebe grüsse, mirjam

    ps: die obige website ist die seite unseres vereins und auf fb verwende ich meinen vornamen rückwärtsgeschrieben +la

    Antworten
    • Kopfwerken
      Kopfwerken sagte:

      Liebe Miriam

      Vielen Dank für deine Hinweise. Es leuchtet uns sehr ein und wir nehmen deine Anregung gerne auf. In diesem Blog haben wir nun deshalb „intersexuell“ durch „intergeschlechtlich“ esetzt.
      Dir und euch alles Gute bei eurem Wirken!
      Herzlichen Gruss
      Madeleine Marti und Marianne Ulmi

      Antworten

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