In meinem Bestreben, die Sprache gründlich zu verstehen, packen mich selbstverständlich auch Fragen wie zum Beispiel die, warum die Gabel weiblich und der Löffel männlich ist. Deshalb habe ich mich letzthin durch ein Buch gekämpft, das sich gemäss Untertitel dieses Problems annimmt: Denksport Deutsch. Was hat bloss die Gabel zur Frau und den Löffel zum Mann gemacht?
Der Ton des Autors, Daniel Scholten, machte mir das Lesen zwar unangenehm und ich empfehle das Buch nicht zur Lektüre. Die spannende Erkenntnis aus der Lektüre gebe ich hier aber gern wieder: Die Bezeichnungen männlich – weiblich – sächlich in der Grammatik sind Etikettenschwindel! Unter Sprachhistoriker*innen ist das ein Allgemeinplatz, wie ich später herausfand.
Dass die Birne oder die Rede oder die Gabel weiblich; der Apfel, der Beitrag oder der Löffel männlich; das Kind, das Gremium oder das Messer sächlich sein sollen; dass der Mond im Deutschen männlich, im Französischen aber weiblich assoziiert wird, ist nicht rätselhaft, sondern Unsinn. Wir haben es hier lediglich mit drei verschiedenen Deklinationsklassen zu tun – und die haben sich entlang ganz anderer Merkmale herausgebildet als an männlich-weiblich-sächlichen Unterschieden.
Scholtens Darstellung konnte ich trotz mehrmaliger Lektüre nur einigermassen folgen. Seine sprachhistorische Jagd durch Tausende von Jahren und Kilometern, vom Proto-Indogermanisch über andere rekonstruierte oder tote Sprachen bis hin zu lebendigen Sprachen aller Art, ist viel zu hektisch. Verstanden habe ich, dass die drei Genera sich nicht nebeneinander, sondern in Laufe einer langen Entwicklung nacheinander herausbildeten – und die nicht der Ordnung der Geschlechter, sondern ganz anderer Logik verpflichtet war. Zusammengefasst etwa so:
Eine erste Typisierung von Wörtern lässt sich in einer Gruppe von Wörtern mit der Endung -s finden. Diesen Wörtern gemein war, dass sie etwas bezeichneten, von dem Aktivität ausgehen konnte. Mit ihrer s-Endung hoben sie sich ab von all dem, was lediglich Ziel einer Handlung werden konnte.
Diese s-Klasse, in der sich Frauen und Männer gleichermassen fanden, ist der Ursprung dessen, was fälschlicherweise “Maskulinum” genannt wurde. Richtiger wäre es, diese Klasse “Standardklasse” zu nennen.
In einer nächsten Entwicklungsstufe findet sich eine Gruppe von Wörtern mit der Endung -m. Diese Endung diente der kollektiven Beschreibung von Einzeldingen; es sind erste abstrakte Begriffe. Es handelt sich um Begriffe wie zum Beispiel das Spiel, das die Summe von einzelnen Spielen in abstrahierter Form bezeichnet. Diese m-Klasse ist die Grundlage für das spätere Neutrum. Im Lateinischen findet sich diese Endung noch, anders als im Deutschen.
Noch einmal später findet sich eine Klasse mit a-Endungen. Sie beschreibt ursprünglich einfach die Abstraktion der Abstraktion (analog etwa der Weiterführung des Spiels zur Spielerei). Aus diesem Muster wurde später das Femininum.
Ich wüsste gern, wann die Grammatiker (oder auch Grammatikerinnen?) die Substantive entlang der unterschiedlichen Flexionsmuster sortiert und der Vergeschlechtlichung unterzogen haben. Scholten schweigt sich darüber aus. Aber dass es unhaltbar ist, wegen den wenigen Substantiven, die Personen bezeichnen, die übrigen 99,9999 Prozent einer Geschlechtsordnung zu unterwerfen, repetiert er eindringlich. Und darin ist ihm vorbehaltlos beizupflichten.
Es ist eigentlich höchst erstaunlich, dass sich diese Fehlleistung bis heute durchgesetzt hat und unkorrigiert blieb. Wieso wehren sich die Sprachhistoriker*innen nicht gegen die unhaltbare Sexualisierung der Grammatik, die zudem im Sprachunterricht immer wieder viel Verwirrung stiftet? Die Bezeichnung “sächlich” für die dritte Kategorie führt die beiden andern sowieso ad absurdum, weil fast alle der “männlichen” und “weiblichen” Substantive ebenfalls Sachen repräsentieren (der Bahnhof, der See, der Tee, der Löffel, die Lokomotive, die Bergspitze, die Limonade, die Gabel).
Ich erinnere mich, wie ich in der Primarschule tatsächlich stutzte, als mir dieser begriffliche Unsinn als selbstverständlich serviert wurde. Wenn ich damals mit Nachfragen nicht insistierte, dann lag das einfach daran, dass ich bereits verstanden hatte, Klüfte zwischen Sein und Schein mit Vorteil nicht auszuleuchten. In unserm katholischen Umfeld gehörte das schon zur vorschulischen Bildung.
Nun, es kann sein, dass die Sprachhistoriker guten Grund haben, mit ihrem Wissen diskret zu sein. Die männliche Form hat im Lauf der Geschichte das Standardgenus für sich übernommen. Dadurch wurden die Frauen unsichtbar oder nur mit Ableitungen sichtbar gemacht. Dies macht noch einmal deutlich, wie sehr die Sprache die patriarchalen Strukturen eingesaugt hat. Für diejenigen Männer, die Nutznutzniesser der männlichen Hegemonie bleiben wollen, ist das Verschweigen dieser Entwicklung sicher klüger.

Skulptur: Idea von Lukas Ulmi
http://lukasulmi.com/de/

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