Wenn der rote Faden im Text fehlt: Wieso kann ich im Text nicht einfach zeigen, wo sich das fassen lässt?  Diese Frage beschäftigte mich schon lange, bevor ich Schreibcoaching zu meinem Beruf machte. Später trieb sie mich dazu an, die linguistische Literatur zu durchforsten.

Es gibt ganz verschiedene Untergebiete der Sprachwissenschaft, die sich auf die eine oder andere Art irgendwie mit meiner Frage beschäftigen, allerdings meistens ohne dabei vom “roten Faden” zu reden. Mit immer wieder andern Zugängen und neuen Bezugnahmen haben Linguisten – Frauen werden in der linguistischen Theoriebildung bisher kaum erwähnt – erforscht, wie der Zusammenhang entsteht. Zur Verwendung der alltäglichen Text-(begleitungs)praxis eignen sich die Theorien zu meinem Bedauern nur am Rand; zu sehr sind sie ihren eigenen, durchwegs von aussen her wenig zugänglichen Bezugssystemen verpflichtet.

Immerhin habe ich jetzt genau verstanden, worin das Problem besteht: Der rote Faden, nicht anders als sein Fehlen, zeigt sich viel weniger im Text selbst, als unter, über oder neben dem Text. Sobald nämlich der Inhalt in seinem Zusammenhang bekannt oder von der Sache her gegeben ist, kann er vorausgesetzt werden, es bedarf keiner weiteren Erklärung, manchmal nicht einmal eine Erwähnung und der Text darf springen. Denn in ihrem spontan unbändigen Willen zu verstehen, stellt die Leser*in ihr Wissen und ihre Schlussfolgerungsfähigkeit bereitwillig und blitzschnell zur Verfügung.

So ist möglich, dass wir auch dann einen roten Faden sehen, wenn er auf der sprachlichen Ebene überhaupt gar nirgends erscheint, wenn die Textstücke, mit denen wir es zu tun haben, auf der Oberfläche durch nichts miteinander verbunden sind. Zum Beispiel:

Christian hat sich ein super Falt-Kajak gekauft. Der Ruderclub ist derzeit wegen Corona geschlossen.

Die beiden Sätze geben grammatisch nicht den geringsten Hinweis auf einen Zusammenhang. Und doch werden die meisten Leser*innen die Satzfolge als kohärent empfinden. Sie werden den zweiten Satz als Begründung des ersten verstehen. Und noch viel mehr werden sie in diesen Text hineinlesen:  Sie werden  – auch wenn sie Christian nicht kennen, fortan davon ausgehen – dass er gern rudert, dass er normalerweise Zugang zu den Booten eines Ruderclubs hat, wahrscheinlich, weil er dort Mitglied ist.

Der zweite Satz bedurfte im Frühjahr 2020 auch deshalb keiner weiteren Erklärung, weil der wegen des Corona-Virus vorordnete Lockdown, der auch alle Sportanlagen zum Schliessen zwang, allen präsent war. Was ein Kajak ist, braucht auch keine Erklärung, diese Bootsgattung ist längstens auch bei uns häufig zu sehen. Und wer noch nicht wusste, dass es Kajaks gibt, die sich falten lassen, wird schnell darauf schliessen, dass es solche gibt, denn es ist höchst plausibel. Gesetzt und nicht weiter der Rede wert ist ferner, dass Christian über genügend Geld verfügt, um ein super gutes Modell zu kaufen.

Nur, weil wir in und zwischen den beiden Sätzen so viel mitlesen, ergeben sie Sinn; faktisch ist der Abstand zwischen den einzelnen Informationen sehr gross. Wir müssen ergänzen und einiges schlussfolgern –, aber das ist hier überhaupt nicht schwierig. Weil wir die gleiche Erfahrung haben wie die Person, die von Christian berichtet, haben wir sämtliche zum Verständnis nötigen Informationen und Muster in petto und werden nichts vermissen, sondern sie automatisch aktivieren. Und so ergibt sich der Leser*in trotz der vielen im Text nicht ausgeführten Informationen ein rundes Bild: Christian, der sehr gern rudert, kann bis auf Weiteres kein Ruderboot ausleihen, weil der Ruderclub wegen der Massnahmen rund um das Corona-Virus geschlossen ist. Damit er trotzdem aufs Wasser kann, hat er sich nun ein Falt-Kajak gekauft. Der Text ist kohärent.

Zurück zu meiner Ausgangsfrage: Das Fehlen des roten Fadens in einem Text lässt sich also doch dingfest machen: Er verliert sich immer dort, wo a) zwei Aussagen oder Textteile mit sprachlichen Mitteln nicht (oder falsch) verbunden sind und b) ich die Verbindung nicht blitzschnell selbst machen kann.

Bis zu einem gewissen Grad passiert das in jedem Text, denn nicht alles ist sofort aktivierbar, und es muss dies auch gar nicht sein. Wenn der rote Faden in nützlicher Frist wieder auftaucht, ist sein zeitweises Verschwinden nicht problematisch, im Gegenteil: Es ist manchmal durchaus sinnvoll oder genüsslich, mit der Autor*in zusammen assoziativ weiterzuhüpfen. Oder aber die fehlenden Zusammenhänge verweisen auf spannende Möglichkeiten des Weiterdenkens. Dann kann das Feststellen dieser Lücke die Leser*in oder die Autor*in selbst zu einem neuen Begreifen der Zusammenhänge in der Welt anregen.

 Abwesende Präsenz – Presentia ausente

 http://lukasulmi.com/de/werk/

 

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